Wir sind 2026 der 21. Lehrgang
Anton Benz
… liebt es zu schreiben – nur nicht über sich selbst. Nach zehn Jahren in Ostdeutschland kehrt er nun ins Ländle zurück. Die Frage, wie unterschiedlich Menschen die Welt begreifen, hatte ihn aus Tübingen nach Magdeburg geführt, für einen Master in Philosophie und Hirnforschung. Dort wohnte er zunächst auf vier Quadratmetern in einem Van, später mit 15 Mitbewohner:innen in einem selbstverwalteten Hausprojekt.
Nach dem Studium schrieb er als freier Journalist aus wissenschaftlicher Perspektive über Gehirn, Geschlecht und Gesellschaft – und suchte mit seinen Texten in Zeiten der Polykrise nach einer besseren Zukunft. Als Redakteur für soziale Bewegungen beim Berliner „nd“ begleitete er Klimaaktivist:innen, Verfechter*innen queerer Rechte und Friedensbewegte. Unterwegs entdeckte er seine Leidenschaft für die Reportage.
In Reutlingen freut er sich besonders auf die enge Arbeit am Wort, darauf, lange Recherchen in Texte zu gießen, und auf so manchen Sprung ins kalte Wasser. Wer weiß, vielleicht schreibt er danach sogar gerne Ich-Reportagen.
David Pister
… wollte erst Tierschützer, dann Forscher, später Rockstar werden. Damals hatte er auch noch ein Rattenschwänzchen vom Hinterkopf baumeln. Mit dem Ende dieser gewagten Frisur wurde auch der Berufswunsch bürgerlicher. Also Lehrer: Deutsch und Sport. Zwischen Minnesang und Oberarmkippe nahm er an Journalismus-Kursen teil und merkte bei einer Reportage über einen Winzer und sein Pferd: Das will er machen. Es folgten freie Mitarbeit beim Studi-Portal fudder und der erste gedruckte Text in der Badischen Zeitung – bereit, vor Stolz zu platzen (wie das Rattenschwänzchen hat er auch diese Ausgabe aufbewahrt). Der Lehramtsberuf wurde ohne Reue hingeworfen. Dann Praktika beim SWR und der Süddeutschen Zeitung, schließlich ein Volontariat bei der Badischen Zeitung. Seitdem arbeitet er als freier Journalist für verschiedene Medien, darunter die ZEIT. Er schreibt über Maskottchen, LSD, Mietenwahnsinn, Piraten, Pilze, Inklusion. Kurz und überhöht: das Leben. Am besten war’s für ihn im Stall, den Geruch von Heu in der Nase; auf der Straße, einem Fahrradkurier hinterherhechelnd. Auf der Piste, im Bordell, im Gerichtssaal. Immer da, wo was los war.
Elena Lynch
… sagte mit 19 einem Journalisten auf einer Berufsmesse, sie wolle Journalistin werden. Nur wie? Sie googelte Viten von Journalist:innen und begann als Hospitantin beim Walliser Bote. Die Schweizer Lokalzeitung wollte sie behalten, sie wollte weiter. Nach einer Südamerikareise studierte sie Geschichts- und Theaterwissenschaft in Bern, Dublin und Wien. 2018 begann sie Kolumnen zu schreiben und entschied: Journalismus!
Nach dem Studium riet ihr der Journalist von der Berufsmesse zu einem Volontariat bei der NZZ in Zürich. Dort merkte sie, dass sie langsames Erzählen dem schnellen Berichten vorzieht. Es folgten Stationen als Reporterin bei watson in Zürich und als Hospitantin beim ZEITmagazin in Berlin. Seither arbeitet sie freiberuflich im Magazinjournalismus und erhielt zwei Recherchestipendien des Reporter:innen-Forums Schweiz.
Weil sie bis heute Viten von Journalist:innen googelt und dabei, in Bezug auf sich selbst, denkt, dass da noch mehr gehe, will sie jetzt von der Reportageschule Reutlingen das Gütesiegel auf die Stirn gedrückt bekommen. Zisch!
Karim Natour
… wollte nicht schon immer Journalist werden. Aufgewachsen zwischen Deutschland und Palästina stellte sich früh die Frage, warum die Welt so ist, wie sie ist. Er fand zwar keine Antwort, dafür aber Gefallen am Studium der Philosophie, Politikwissenschaft und Arabistik. Nach Stationen in Münster, Paris, Marburg und Kairo zog es ihn nach Berlin. Dort begann er 2023 als Redakteur bei der Tageszeitung junge Welt zu arbeiten - „weil der Job interessant klang“. Das war er dann auch. Beim Berichten aus dem Gerichtssaal und von der Straße merkte er, wie groß seine Neugier ist und wie sehr es ihn reizt, in neue Welten einzutauchen. Da bei einer Tageszeitung oft kaum Zeit für vertiefte Recherche bleibt, zog er weiter. Als Fellow von Netzwerk Recherche recherchierte er für Stern unter anderem zu Rechtsextremismus an Schulen und Waffenlieferungen nach Israel. Inzwischen arbeitet er als freier Journalist (Drop Site News, der Freitag, Berliner Zeitung). In Reutlingen möchte er lernen, wie aus Recherchen gute Geschichten werden.
Laurin Hildebrandt
… kommt aus der Medizintechnik. Dort war jede Erzählung zu viel fürs Protokoll; als er in Padua zu Parkinson forschte, sah er Bilder statt Datenreihen: das untersuchte Hirnvolumen in Espressogröße, ein Scan so teuer wie ein Fiat 500, das Sterben der Nervenzellen wie Läden, die am Palazzo schließen. „Non è un libro!", bremsten ihn die Kollegen – du sollst kein Buch schreiben.
Da merkte Laurin, dass er die Geschichten seiner Studienorte längst außerhalb der Labore suchte. Er fand sie mit einem Gerichtsmediziner auf dem Wiener Zentralfriedhof und unter Rentnern an neapolitanischen Kartentischen. In Jena und Estland die ersten Schreibversuche, in Tschechien übersetzte er für eine Weltraumfirma das All in Alltägliches. Das war ihm zu wenig; das Werkzeug fehlte noch, um das Erlebte zu verarbeiten.
Nachdem er sich zum Diplomingenieur pipettiert hat, will er die Sterilwerkbank hinter sich lassen und ohne Handschuhe zupacken. Er kommt nach Reutlingen, um den präzisen Blick mit dem Handwerk der Reportage zu verknüpfen.
Lena Angerer
… wird seit jeher gespiegelt, ein sehr kritischer Mensch zu sein. Um ihrer Grundeinstellung noch mehr Ausdruck zu verleihen, hat sie als Jugendliche vor dem Spiegel geübt, die rechte Augenbraue nach oben zu ziehen.
Dem Journalismus hat sie sich allerdings erst auf den zweiten Anlauf verschrieben. Zwischendurch dachte sie nämlich, Signalkaskaden und medizinische Forschung wären ihr Ding.
Nach diesem Irrtum schrieb sich Lena während eines Volontariats bei der SÜDWEST PRESSE durch die Lokal- und Mantelredaktionen in Ulm und um Ulm herum, machte Abstecher zur Social-Media-Redaktion, zum Radio und zum Fernsehen.
Währenddessen unterhielt sie sich überraschend häufig mit alten Menschen. Zum Beispiel für eine Datenanalyse über von Altersarmut betroffene Baden-Württembergerinnen. Oder für eine Reportage über eine ungleiche Beziehung im Pflegeheim.
Halbe Sachen taugen Lena bei ihren Texten (und ganz generell) nicht: Bei der Recherche möchte sie so richtig tief reingehen – und aus dem Ergebnis fesselnde Sätze schmieden. Deshalb ist sie auf der Reportageschule.
Lisa Slomka
… weint bei Sportdokus mehr als bei Rom-Coms von Nora Ephron. Vermutlich, weil sie weiß, was es heißt, wenn der Kalender nach Spielplänen funktioniert und nicht nach Wochenenden. Wenn man Freunde vertröstet, weil ein Handballspiel wichtiger ist. Und wenn Haarewaschen scheitert, weil der Bizeps streikt.
Strapazen nahm sie viele in Kauf, trotzdem blieb die große Sportkarriere aus. Der Kreuzbandriss half nicht, war aber (entgegen dem Klischee) nicht entscheidend. Vielmehr dafür die Erkenntnis: Manchmal sind die Geschichten anderer bewegender als die eigenen.
Damit stand der Berufswunsch, Journalistin zu werden. Nicht aber der Plan. Also ab nach Köln, Sporthochschule, erstmal studieren. Parallel jobben, Pressearbeit bei der Handball-Bundesliga, crossmedial bei der Sportschau. Später Sport-Redakteurin bei watson in Berlin. Dort schrieb sie über Machtmissbrauch, stritt mit Mario Basler und überlegte kurz, doch noch die Minigolfanlage ihrer Eltern zu übernehmen.
Vorerst soll es aber mit Plan A weitergehen. Weil sie gute Geschichten nicht loslassen. Und weil sie genau dieses Gefühl weitergeben will.
Marc-Oliver Dimpfel
… trägt als Rheinländer die Gewissheit in sich, dass alles halb so wild ist, solange der Kölner Dom noch steht. Während seines Studiums der Sozialen Arbeit arbeitete er in einer Turnhalle, behelfsmäßig umfunktioniert zur Unterkunft für Geflüchtete. Eine Zeit, die ihm mehr über das Leben beibrachte als drei Jahre Studium und seinen Blick schärfte für Ungleichheit und Machtverhältnisse.
Journalist wurde er aus dem Anspruch heraus, blinde Flecken der Gesellschaft sichtbar zu machen. Und weil er, frisch nach Berlin gezogen, einen Job brauchte. Am Newsdesk von ntv.de entdeckte er seine Leidenschaft für Nachrichten, selbst in stressigen Breaking-News-Situationen. Es folgten Jahre als Volontär und Redakteur. Berichte von Parteitagen, aus Gerichtssälen, dem Bundestag oder einer Karnevalssitzung in Neukölln.
Seine Freizeit verbringt Marc so oft es geht im Ausland. Im Kosovo oder in Transnistrien lernte er: Der beste Ort, um Geschichten aufzuspüren, ist die Kneipe. Jetzt will er testen, ob das auch auf Reutlingen zutrifft.
Milena Wurmstädt
... hat bei ihren Abiklausuren gemerkt, dass Schreiben ihr Ding ist: Noch nie sind sechs Stunden so schnell vergangen wie in der Deutschprüfung. Im Praktikum bei einem Lokalradiosender kam ihr die glückliche Erkenntnis, dass Zuhören, Fragen und Erzählen ein Beruf sein kann.
Milena studierte Politikwissenschaft in Hannover und jobbte nebenbei im Musikmanagement, hauptsächlich für den Hornisten Felix Klieser. Wann immer Zeit und Geld es zuließen, packte sie ihren Rucksack, zum Beispiel, um in die Ukraine zu reisen.
Nach dem Studium volontierte Milena beim Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das Volontariat führte sie unter anderem zum Standard in Wien, wo sie sich mit dem Vorsitzenden der FPÖ-Studierendenorganisation stritt und zur Leipziger Volkszeitung, wo sie herausfand, wieso plötzlich hunderte tote Fische im Stadtkanal trieben. Anschließend arbeitete sie zwei Jahre als Redakteurin bei der Märkischen Allgemeinen in Potsdam.
In Reutlingen will sie ihren Sinn für gute Geschichten trainieren und lernen, Schwäbisch zu verstehen.
Nikita Vaillant
… wäre nie darauf gekommen, Journalist zu werden. Erst während eines Praktikums in der fluter-Redaktion wurde ihm klar, dass seine Neugier an Menschen und Gesellschaft genau hier ihren Platz haben.
Sein Herz schlägt besonders für urbane und digitale Subkulturen – und für alles, was mit Hip-Hop zu tun hat. Aufgewachsen in Westberlin bringt er dafür einen praktischen Wissensvorsprung mit, den er unter anderem in Formaten wie HYPECULTURE einsetzt. Darüber hinaus blickt er gerne hinter die Kulissen dieser Milieus und setzt sich mit Fragen zu Migration und Identität sowie mit Männlichkeits- und Geschlechterrollen auseinander.
Seit 2020 arbeitet er als freier Journalist und schreibt Reportagen, Features und Essays, u. a. für der Freitag, die Berliner Zeitung und das DUMMY-Magazin. Besonders beschäftigt ihn, wie der Kolonialismus bis heute nachwirkt – vor allem in Südostasien. Sein Traum ist es, eines Tages von dort aus in Vollzeit zu berichten.
Sebastian Fobbe
… kam zum Journalismus, als eine Ausgabe des Straßenmagazins „draußen!“ auf dem Tisch seiner Studi-WG lag. Kurz vorher hatte er sich von dem Wunsch verabschiedet, einen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten. Die Aussicht, Jahrzehnte in einer muffigen Dolmetscherkabine zu verbringen, war doch zu abschreckend. Sebastian wollte lieber raus, Menschen kennenlernen und ihre Geschichten aufschreiben. Zuerst porträtierte er für die „draußen!“ wohnungslose Männer in Münster, später schrieb er für das konstruktive Magazin „Perspective Daily“ über das bedingungslose Grundeinkommen. Sein Volontariat in Osnabrück begann pünktlich zum ersten Corona-Lockdown, also zurück an den Schreibtisch. Danach berichtete er fast vier Jahre lang für das digitale Start-up RUMS in Münster über Wohnungsnot, Kommunalpolitik, Radverkehr und über Frauen, die durch eine Psychotherapie in eine satanische Verschwörungswelt geraten sind. Zuletzt arbeitete er als Fellow für das „Netzwerk Recherche“. Jetzt ist er in Reutlingen, will wieder raus und unter Leute – und aus tiefen Recherchen spannende Geschichten machen.
Stella Lueneberg
… stellte nach Praktika im Bundespresseamt und im Bundestag fest, dass sie lieber von der Pressetribüne berichtet als im Plenarsaal sitzt. Zwar schrieb sie Angela Merkel einmal eine SMS – die Nummer durfte sie allerdings nicht behalten.
Nach ihrem Politikstudium in Hamburg und London arbeitete sie in verschiedenen Redaktionen: als Reporterin beim SWR in Freiburg, als Autorin unter anderem für ZEIT WISSEN und später als Redakteurin des ZEIT Studienführers. Den Bruch der Ampelregierung erlebte sie während eines Praktikums im Politikressort der taz aus nächster Nähe – und blieb dem Haus anschließend als freie Mitarbeiterin im Meinungsressort treu.
Zwischen Kommentar und Reportage schreibt Stella über Feminismus, Künstliche Intelligenz, Kleinparteien und den Westbalkan – nach einer längeren Asienreise hoffentlich bald auch über Vietnam.
Sven Fröhlich
… versteht Journalismus als kühnen Versuch, nicht nur anderen, sondern auch sich selbst die Gegenwart ein wenig verständlicher zu machen. Im Idealfall entsteht dabei ein Text, der ein kurzes Schmunzeln auslöst – zumindest aber irgendeine Form von Reaktion.
Während seines Geschichtsstudiums wurde seine Leidenschaft geweckt, sich in nischige Themen einzuarbeiten und seine Mitmenschen damit ungefragt zu behelligen (einfach mal beiläufig den Schlieffen-Plan erwähnen). Nebenbei putzte er Treppenhäuser und schrieb Filmrezensionen auf Letterboxd. Eine Sammlung von Lieblingswörtern wie Schabernack und Kokolores führt er bis heute.
Bei Sky Sport tickerte er das Meisterschaftsfinale, in dem sein Herzensverein sensationell noch den Bundesligatitel verspielte. Für den Tagesspiegel versuchte er, Urs Fischer emotionale Regungen zu entlocken, für das SZ-Magazin Mickie Krause ein Mittel gegen den Kater. Während seines Volontariats bei watson berichtete er von immersiven Ausstellungen, Bushido-Prozessen und allem dazwischen. Sein eigentliches Lebensziel ist es, dabei niemals die Neugier zu verlieren.