Wir waren die 20er
Alessandra Röder
Ich bin mal mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug gesprungen. Das war nichts gegen die Reportageschule. Noch immer kann ich nicht vollständig greifen, was dieses Jahr alles mit mir gemacht hat. Die ersten Monate ware freier Fall ohne Sicherheitsnetz. Es gab ständig Deadlines, durchgearbeitete Nächte, die siebte nun aber wirklich finale Textversion. So viel Druck, den ich mir selbst gemacht habe. Ich verkrampfte mich, aus Sorge, am Ende hart aufzuprallen. Nach einigen Monaten ließ ich locker und konnte plötzlich fliegen. Ich recherchierte auf einem winzigen Fischerboot und in einer Diktatorenvilla in Albanien, konfrontierte mutmaßliche Neonazis und klingelte an jeder Haustür in einer Straße. Ich schrieb Geschichten, auf die ich stolz bin. Aber das Schönste sind die Freundschaften, die ich dabei geschlossen habe. Menschen, mit denen ich stundenlang in WG-Küchen oder Kneipen reden kann, die mich bei Schreib- und Lebenskrisen umarmen. Dank ihnen bin ich ganz weich gelandet.
David Fuhrmann
Es war Ende Dezember, das Jahr in Reutlingen vorüber, ich wieder in Leipzig. Bei einem Bier stellte mir ein Freund die punktgenaue Frage, ob es denn gepasst habe mit der Reportageschule Reutlingen. Die Frage war naheliegend. Man muss sich das einmal vorstellen: Ein Jahr in einer Stadt, bei der viele geografisch ins Stolpern kommen, dazu elf andere Journalist:innen auf engstem Raum. Aber es passte gut. Es passte so gut, dass ich heute wehmütig zurückblicke. Wir wurden losgeschickt, durch Deutschland, nach Dänemark, Bosnien. Zu Menschen, die ihre Geschichten erzählten, an Orten, die was bedeuten - wie geil kann ein Job eigentlich sein? Aus dem Erlebten wurden Geschichten, und diese immer besser. Kein Wunder, morgens kamen ständig neue Edelfedern in den Schulraum und überfluteten uns mit ihrem Wissen. Abends dann Textabgabe, der Schädel brummte, manchmal auch vom gemeinsamen Kneipieren am Vorabend, und auf einmal lebst du nur noch für diesen einen Satz. Reutlingen hat mir ein aufregendes Jahr versprochen, das war es, hat also gepasst.
Dune Korth
Eigentlich passierte das, was man über Reutlingen wissen muss, schon in der ersten Woche. Wir sollten einen Bauern porträtieren, der eine Menge Hüte hatte und noch mehr Geschichten erzählte. Doch er schwäbelte – und ich verstand fast nichts. Verzweifelt suchte ich abends am Schreibtisch eine zweite Ebene. Relevanz? Flughöhe? Fehlanzeige, mein Kopf war leer. Die Rettung: Meinen neuen Mitbewohnern ging es nicht besser. Wir diskutierten über getrocknete Würste, stritten über gelockte Schweine, lachten Tränen. Die Quittung kam am nächsten Tag: die Augenringe tief, die Texte nicht ganz fertig und eine zweite Ebene? Die hatten wir immer noch nicht gefunden.
Wenn ich an Reutlingen denke, dann ist da manchmal genau diese Überforderung vom Anfang. Das Gefühl, zu scheitern, die Frage: Bin ich hier wirklich richtig? Aber viel öfter sind da die Menschen, die alles leichter machten. Die zusammen lachten und weinten, tanzten und diskutierten, verzweifelten und jubelten. Und zu besseren Journalist*innen wurden. Die zweite Ebene von Reutlingen ist eben doch die Gemeinschaft (Leon, David: Ich hab’s euch doch gesagt!). Und: Selbst schwäbeln versteht man mit der Zeit.
Franziska Wessel
Von dem Balkon unseres Ferienhauses blicke ich hinunter in die Bucht. Das montenegrinische Meer liegt glatt da. Hier sitze ich und weine in mein Müsli, weil alles so schön ist. Ich bin so müde, dass ich die Segelboote nur verschwommen sehe, und in meine Tränen mischt sich Erleichterung. Dieses Jahr, das manchmal unendlich schien, ist fast geschafft. An der Reportageschule sein ist unbequem. Egal, wie gewappnet du dich fühlst, früher oder später wirst du dich fragen, warum du dir das eigentlich alles antust. Du wirst noch nach einem Thema suchen, wenn alle anderen schon mit ihren Protagonisten telefonieren, du wirst abends erschöpft bis auf die Knochen nach Hause kommen und wissen, dass jetzt der zweite Teil deines Arbeitstags beginnt. Du wirst mit allem, was du in diesem Jahr tust, deine Komfortzone erweitern, und das wird sich großartig anfühlen. Gemeinsam mit den anderen wirst du zu Corsaro gehen, einen Campari Spritz bestellen und in der Abendsonne sitzen. In diesem Moment wirst du ahnen, wie schwer dir der Abschied in einigen Monaten fallen wird. Aber zum Glück weißt du es noch nicht.
Joana Rettig
Es war der erste Tag in Reutlingen, an dem Ariel sagte: Hier werdet ihr lernen, eure Boutique zu finden. Ihr braucht keinen Bauchladen, sondern ein Schaufenster mit einer kleinen, aber exquisiten Auswahl. Und dann, wenig später gab es diesen einen Moment, der mir jetzt erst einleuchtet. Klassenfahrt: Casino. Ich wollte nicht mitkommen. Ich war müde, hatte noch nach der Schule gearbeitet, hatte keine Abendgarderobe, war pleite. Ich ging trotzdem und fühlte mich in diesem goldroten Saal fehl am Platz. Doch da gab es ein Hinterzimmer: kühles Licht, abgestandene Luft, Qualm, leere Spielautomaten. David kam mit mir. Spielen wollte er nicht, aber Beistand leisten in dieser traurigen Ecke. Ich drückte Knöpfe, verstand nicht, was passierte. Es klingelte, blinkte, Zahlen bäumten sich auf. 410 Euro nahm ich mit nach Hause. Und ich begreife erst heute, was Ariel am ersten Tag wirklich sagte. Damals dachte ich, ich hätte im Casino einfach Glück gehabt. Das Geld ist heute längst weg, aber das Hinterzimmer ist geblieben: Weit weg vom Filz und Glanz, hin zu dem Raum, den keiner anschaut. Meine Boutique.
Jolinde Hüchtker
Reutlingen ist wie eine Klassenfahrt, aber mit lauter gestressten CEOs: Ständig hier noch ein Call, da noch eine Deadline, bevor man dann gemeinsam Spätzle essen geht – oder an der montenegrinischen Küste ins Meer springt. Reutlingen ist das Gefühl, den perfekten ersten Satz zu finden, aber auch das Gefühl, den ganzen Text wieder löschen zu wollen. Man scheitert immer wieder an Ideen, man geht einander auf die Nerven. Und das ist vollkommen okay. Denn die Reportageschule ist zum Ausprobieren da, auch wenn man das schnell vergisst, wenn man einmal angekommen ist. Wenn ich noch mal von vorne anfangen dürfte, würde ich viel schräger schreiben, viel mutiger fragen und vor allem: öfter den Laptop zuklappen und mit den 11 anderen Reporter*innen auf die Achalm stapfen.
Jonas Lüth
In einer Juninacht tauchte ich unter den Wasserspiegel des Luganer Sees und schrie den Fischen mein Glück entgegen. Innerhalb einer Woche hatte ich renommierten Investigativ-Journalisten bei einem Festival in Bern zugehört, war in Griechenland Kriminellen auf der Spur gewesen und in den Weinbergen des Tessin einer invasiven Käferart hinterhergejagt. Als ich wieder aus dem See auftauchte, sah ich die Lichter Luganos am anderen Ufer, dahinter zeichneten sich die Umrisse des Voralpenpanoramas ab. Ich dachte: es gibt keinen besseren Job, und auch kein besseres Jahr als dieses. Und dann kam GO, unser Abschlussprojekt, und plötzlich war alles anders. Zweifel, Druck, Versagensängste. Der Text wollte einfach nicht gelingen und mit einem Mal sehnte ich nichts mehr herbei als das Ende dieses vermaledeiten Jahres. Natürlich ging es später wieder bergauf. Allen, die zögern, sich auf die Reutlinger Gipfelstürme und Talfahrten einzulassen, antworte ich mit dem wichtigsten Grundsatz des Jahres: „Einfach machen!“
Katharina Osterhammer
Tut, was gut für euch ist, vor Schulbeginn – die Arbeitstage werden lang. Ihr werdet dieses Jahr Neues über euch erfahren und das macht Spaß. Lasst euch kritisieren, aber vertraut eurem Bauchgefühl: Manches wisst ihr besser über euch als andere. Choose your battles. Nutzt die Möglichkeit, von euren Mitschüler*innen zu lernen. Netzwerkt! Macht Quatsch. Wandert auf die Achalm. Aus einer Schicksalsgemeinschaft zwölf Fremder werden Freundschaften, die ihr künftig selbstverständlich zu eurem Leben zählen werdet – das ist das Schönste von allem. Ihr werdet am Ende der Schulzeit bereiter für diesen Beruf sein, als ihr zwischendurch denkt. Reportage kann unglaubliche Wirkung entfalten, aber es gibt auch andere tolle Textformen. Die Branche hat einen schlechten Ruf, die Arbeitsbedingungen sind mittel, aber zu ihr gehören sehr viele Menschen, die freundlich und hilfsbereit sind. Traut euch, nach Rat zu fragen. Die Zeit an der Reportageschule ist ein einjähriger Rausch. Ich würde mich immer wieder für ihn entscheiden.
Leon Meckler
Und dann sagte uns der Mann: Hey, zu dem Spiel dürfen keine Fans kommen. Jonas und ich erstarrten. Es waren nur noch wenige Tage bis zur Auslandsreportage. Eigentlich wollten wir serbische Fußball-Ultras bei einem Spiel treffen, hatten uns wochenlang vorbereitet. Nun mussten wir umlenken und ein neues Thema recherchieren. Mit Ariel rasten wir nach Belgrad. Links der Autobahn wuchs der Genex-Turm, bis er die Scheibe ausfüllte, 36 Stockwerke grauer Beton. Früher stand der Turm für Fortschritt, heute verlottert die Ikone am Stadtrand, verkauft an einen Investor, dem öffentlich Verbindungen zur organisierten Kriminalität nachgesagt werden. Tür an Tür wohnen dort Vučić-Anhänger und junge Protestierende. Zehn Tage lebten wir dort und versuchten, dieses Mini-Serbien zu verstehen. Wir tranken Rakija mit den Bewohnern, konfrontierten einen betrügerischen Hauswart und schwiegen am 1. November mit Zehntausenden in Novi Sad. In Montenegro beugten wir uns über unsere Notizen und schrieben bis spät in die Nacht. Es war der Abschluss der Schule, in dem sich alles verdichtete: gemeinsam zu arbeiten, die Tage und Nächte, und am Ende zu merken: Es geht alles auf.
Lisa Pausch
Du wirst im Winter durch Schlamm stapfen und versuchen, Worte zu finden für Wollschweinnasen. Du wirst dich fragen, ob du überhaupt erzählen kannst. Man wird dir sagen: Erzählen kann jeder Mensch. Deine Texte werden zerrissen werden. Bist du eher Typ Ein-Euro-Shop der Sprachbilder, Kifferlyrik oder Sophisticated-Quatsch? Du wirst Schreibblockaden haben. Du wirst pleite sein. Deine Leute werden fragen, wo du eigentlich verschollen bist. Du wirst lachen und denken: Ein bisschen sektenhaft ist das ja schon. Du wirst in eine Eistonne steigen und vom Zehnmeterbrett springen. Du wirst müde sein. Du wirst dir wünschen, dass dieses Jahr schnell vorbeigeht. – Dann wirst du lernen, mehr vom Herzen zu schreiben. Du wirst im Labor stehen und nach dem Mythos suchen. Du wirst im Schulbus sitzen und in die Schweiz fahren, nach Münster, Hamburg, Berlin und in die Elbtalaue. Du wirst im Ausland arbeiten. Du wirst staunen, wie gut ihr als Team funktioniert. Du wirst hoffen, dass dieses Jahr niemals aufhört. Du wirst diese Stadt verlassen und merken, dass dir nichts Besseres passieren konnte als Reutlingen.
Niklas Schlottmann
Ich gebe zu, am Anfang dachte ich, wir seien ein schwacher Jahrgang. Derart vernichtend fiel die Kritik an unseren ersten Texten aus. Meine Mitschüler haben mich schnell eines Besseren belehrt. Erst ein Artikel, dann zwei, drei und nach ein paar Monaten waren die Wände im Klassenzimmer voll mit ausgeschnittenen Zeitungsseiten. Mich hat beeindruckt, wie stark wir gewachsen sind in der kurzen Zeit, wie alles einfach immer besser wurde: der Podcast, die Radioreportagen, die Themenideen, der Sound der Texte. Und das bei dem Stress! In Reutlingen habe ich zum ersten Mal Fristen gerissen. Ich habe sehr viel geraucht und sehr schlecht geschlafen, immerhin aber nicht zugenommen. Das Jahr war so anstrengend wie ein Trainingslager; so muss das sein. Man braucht schon eine gute Technik, viel Kraft und noch mehr Ausdauer für diesen Job. Der Rest, hat mein Trainer früher gesagt, ist Kopfsache. Dann wollen wir mal an den Start gehen …
Tom Gath
Das Beste an Reutlingen zeigte Philipp uns erst am vorletzten Abend: eine 63 Jahre alte Disco mit einem 89 Jahre alten DJ. Mit der rechten Hand stützte er sich auf den Gehstock, in der linken hielt er das Mikro. Über dem Kassettendeck ein Regal voller Schallplatten. An der Wand Elvis, flankiert von Plastikpalmen. Paare drehten sich auf dem Schachbrettboden zu „Griechischer Wein“, und vor uns entfaltete sich eine Welt von sonderbarer Schönheit. Der Schuppen war so anachronistisch wie die Idee, im Jahr 2025 zu lernen, wie man lange Texte schreibt. Und doch hat mir dieses Jahr gezeigt: Es lohnt sich, an bewährten Ideen festzuhalten. „Erzählen ist die älteste Kraft der Menschheit“, schärfte uns ein großer deutscher Reporter mit vorgehaltener Wasserpistole im Unterricht ein. Und wenn Erzählen die älteste Kraft der Menschheit ist, dann ist die Schrift ihr präzisestes Instrument. Sie lässt Gedanken reifen, vermittelt Erfahrungen und überbrückt die Zeit. Damit arbeiten zu dürfen, ist ein großes Glück. Am liebsten gedruckt, denn: Print’s not dead!